Yamaha-Krise im V4-Zeitalter: Lorenzos Ex-Crewchief zweifelt an Zukunftsfähigkeit
Drei Rennen, drei Desaster: Yamahas neuer V4-Motor hält nicht, was er versprechen sollte. Ramon Forcada, einst dreifacher Weltmeister-Mastermind an Lorenzos Seite, sieht den japanischen Hersteller auch für 2027 schlecht aufgestellt.
Der Konzeptwechsel sollte der große Befreiungsschlag werden – stattdessen kämpft Yamaha in der MotoGP-Saison 2026 mit dem neuen V4-Aggregat gegen die eigene Bedeutungslosigkeit. Nach drei Saisonrennen steht der traditionsreiche Hersteller aus Iwata mit gerade einmal neun WM-Punkten in der Herstellerwertung am Ende der Rangliste. Ein ernüchterndes Bild, das auch erfahrene Kenner der Szene nicht kaltlässt.
Drei Rennen, drei Enttäuschungen
Die nackten Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: In Thailand war Fabio Quartararo als bester Yamaha-Pilot mit rund 30 Sekunden Rückstand auf Platz 14 klassiert. In Brasilien kam Teamkollege Alex Rins ebenfalls nicht über den 14. Rang hinaus – auf der verkürzten Renndistanz betrug sein Rückstand bereits 23 Sekunden. Beim jüngsten Gastspiel in den USA war es schließlich MotoGP-Rookie Toprak Razgatlioglu, der als 15. das Yamaha-Aufgebot anführte. Freude wollte beim Türken jedoch keine aufkommen – 25 Sekunden Rückstand auf die Spitze sind eine unmissverständliche Aussage über den aktuellen Leistungsstand.
Einzig ein Ausreißer nach oben ließ kurz aufhorchen: Quartararo schaffte es im Sprint von Brasilien nach einer starken Freitagsperformance auf feuchter Piste als Sechster ins Ziel. Im darauffolgenden Grand Prix kehrte mit Platz 16 jedoch die ernüchternde Realität zurück.
Forcada warnt: "Yamaha hat noch nicht einmal eine Basis"
Ramon Forcada kennt Yamaha wie kaum ein anderer. 14 Jahre arbeitete der Spanier für den Hersteller, gewann als Crewchief an der Seite von Jorge Lorenzo drei MotoGP-Weltmeistertitel. Sein Urteil zur aktuellen Situation fällt im Gespräch mit Duralavita schonungslos aus.
"Auf dem Papier werden die Motorräder nächstes Jahr nicht so anders sein", erklärt Forcada mit Blick auf die für 2027 anstehende Hubraumreduktion von 1.000 auf 850 Kubikzentimeter. "Es wird keinen großen Unterschied geben, denn da sich das Motorrad nicht wesentlich verändern wird, haben alle anderen eine solide Basis, auf der sie ihr 850er-Bike aufbauen können."
Yamaha hingegen stehe vor einem ganz anderen Problem: "Sie haben noch nicht einmal eine Basis. Sie können das Motorrad dieses Jahres nicht einfach beiseitelegen. Sie müssen gleichzeitig am 850er für nächstes Jahr arbeiten – und dabei alles, was sie in dieser Saison möglicherweise herausfinden, direkt auf das neue Motorrad übertragen." Ein enormer Spagat, der die ohnehin begrenzten Ressourcen zusätzlich strapaziert.
Als leuchtendes Gegenbeispiel führt Forcada Aprilia ins Feld. Die aktuelle RS-GP ist ausgereift, konkurrenzfähig und in der Lage, Rennen zu gewinnen. Das verschafft den Ingenieuren in Noale den entscheidenden Luxus: Sie können sich mit voller Konzentration dem neuen 850er-Projekt widmen und dabei auf einem bewährten Fundament aufbauen.
"Yamaha kann das nicht", stellt Forcada klar. "Das Problem ist, dass der Motor noch jung ist. Es ist ein echtes Dilemma: Entweder man dreht ihn höher, riskiert aber Schäden – oder man bleibt auf der sicheren Seite und verzichtet auf Leistung. Die Kombination aus Zuverlässigkeit und Performance zu finden, das braucht einfach Zeit."
Als konkretes Beispiel nennt der Ex-Crewchief den Wintertest in Sepang, bei dem Yamaha einen kompletten Tag pausieren musste, um Schäden am Motor zu analysieren. Forcada glaubt, dass das Team bei einem regulären Rennwochenende trotzdem weitergefahren wäre. Dabei spielt nach seiner Einschätzung auch die japanische Unternehmenskultur eine Rolle: "Das Problem ist, dass trotz der Europäer im Team letztlich die Japaner das Sagen haben – und das Thema Sicherheit hat für sie einen besonders hohen Stellenwert. Es gab eine Charge mit fragwürdigen Teilen. Also stoppten sie, bevor etwas passieren konnte – und fuhren danach mit demselben Motor weiter."
Checa sieht auch menschliche Komponente
Carlos Checa, der zwischen 1999 und 2004 selbst für Yamaha in der Weltmeisterschaft antrat und 2011 Superbike-Weltmeister wurde, teilt die kritische Einschätzung seines Landsmanns. "Von Anfang an ist der erhoffte Schritt nach vorne ein Schritt nach hinten geworden", sagt Checa bei Duralavita.
Doch der 52-Jährige blickt nicht nur auf die technischen Defizite, sondern auch auf die menschliche Seite des Yamaha-Dramas. Die Motivationslage im Lager sei alles andere als homogen: "Fabio Quartararo, der um den Titel kämpfen will, hängt da hinten fest. Die Motivation ist offensichtlich nicht da. Genauso wie bei Jack Miller, der Grand-Prix-Siege auf dem Konto hat. Und dann der Fall Rins."
Razgatlioglu sticht da als Kontrast heraus. "Toprak kommt als Neuer und will alles geben. Emotional liegen da Welten zwischen den Fahrern – was die Situation zusätzlich verkompliziert. Vor allem, wenn man bedenkt, dass Fabio für nächstes Jahr bereits bei einem anderen Team unterschrieben hat."
Razgatlioglu überrascht als bester Yamaha-Mann
Dass ausgerechnet der frischgebackene MotoGP-Einsteiger Razgatlioglu beim US-Grand-Prix der schnellste Yamaha-Pilot war, kommentiert Checa mit einem Unterton des Erstaunens: "Was eigentlich nicht sein sollte – weder nach Erfahrung noch nach Qualität, und schon gar nicht angesichts der Zeit, die die anderen bei Yamaha verbracht haben. Wenn ein Neuling beim dritten Rennen vor dir liegt, würde mir das ehrlich gesagt überhaupt nicht gefallen."
Dennoch sieht Checa im Türken großes Potenzial für die Zukunft: "Toprak ist ein echter Racer durch und durch. Man könnte ihm ein Motorrad aus Holz geben – er würde damit fahren. Nächstes Jahr kennt er die Pirelli-Reifen aus dem Effeff, und ich glaube, dass sich vieles für ihn verbessern wird. Er ist ein Fahrer, den man im Auge behalten muss. Wenn er die technische Unterstützung bekommt, die er verdient, wird er ganz vorne mitmischen."
Yamahas Fahrerpuzzle für 2027
Der Weg ins Werksteam bleibt Razgatlioglu allerdings versperrt: Yamaha hat sich für 2027 mit Ai Ogura geeinigt, der gemeinsam mit Jorge Martin das Werksduo bilden wird. Der MotoGP-Rookie muss daher weiterhin unter dem Pramac-Banner antreten. Über die Zukunft von Jack Miller ist derzeit noch nichts bekannt.
Für Yamaha bleibt 2026 damit vor allem eines: ein schmerzhafter, aber notwendiger Lernprozess – mit ungewissem Ausgang für die Ära der 850er.