Michelin in der Superbike-WM ab 2027: Alle Pläne im Überblick
Ab 2027 übernimmt Michelin die Reifenversorgung der gesamten Superbike-WM – inklusive aller Rahmenserien. Was der französische Hersteller plant und warum es keine reinen Qualifying-Reifen geben wird.
Die Reifenwelt des Motorrad-Rennsports wird ab 2027 kräftig durchgemischt: Während Pirelli künftig die MotoGP beliefert, schlägt Michelin ein neues Kapitel auf und übernimmt die komplette Superbike-Weltmeisterschaft. Der französische Traditionshersteller hat einen Fünfjahresvertrag abgeschlossen, der nicht nur die WSBK-Königsklasse umfasst, sondern auch alle Rahmenserien – darunter die Supersport-WM, die Frauen-WM sowie die Nachfolgeserie der bisherigen 300er-Klasse.
Warum Michelin auf die Superbike-WM setzt
Dass Michelin nicht auch die Nachwuchsklassen der MotoGP – also Moto2, Moto3 und diverse Talent-Cups – weiter ausrüstet, hat handfeste Gründe. Piero Taramasso, Michelins verantwortlicher Manager für den Motorsport, erklärt die Entscheidung klar: "Als uns vorgeschlagen wurde, zusätzlich auch die Moto2, die Moto3 und den gesamten Rest zu übernehmen, haben wir keinen echten Mehrwert auf strategischer und technologischer Ebene gesehen."
Der logistische Aufwand wäre schlichtweg zu gewaltig gewesen. "Denn um alle Klassen der MotoGP zu beliefern, geht es nicht nur um Moto2 und Moto3, sondern auch um den Red Bull Rookies-Cup und alle Talent-Cups", so Taramasso. Die Konsequenz: Um die eigenen Qualitätsstandards nicht zu gefährden, entschied sich Michelin bewusst gegen eine Ausweitung in diesem Bereich.
Die Superbike-WM hingegen bietet aus Michelins Sicht gleich mehrere strategische Vorteile. Die benötigten Reifenmengen sind deutlich überschaubarer, und die seriennahen Motorräder passen perfekt zur Markenstrategie des Unternehmens. "Diese Meisterschaft ist viel näher an den Serienmotorrädern, was sie auch aus strategischer Sicht sinnvoll macht", betont Taramasso.
Technologie aus der MotoGP trifft auf Straßennähe
Eines stellt Taramasso gleich klar: Die neuen Superbike-Reifen werden keine direkten Ableger der aktuellen MotoGP-Produkte sein. Stattdessen will Michelin einen anderen Weg einschlagen. Als Ausgangsbasis dienen die Reifen, die der Hersteller bereits in nationalen seriennahen Meisterschaften einsetzt – angereichert mit Technologie-Transfer aus der Königsklasse.
"Die Idee ist, diese Technologie stärker in Richtung Straße zu bringen – also Reifen zu entwickeln, die zum Beispiel auch bei Trackdays eingesetzt werden können"
, erklärt Taramasso. Als konkreter Ausgangspunkt für die Entwicklung könnte der im Handel erhältliche Slick vom Typ
Power Performance 24
dienen, der bereits bei Trackday-Veranstaltungen beliebt ist.
Damit verfolgt Michelin ein klares Ziel: Das gesammelte Know-how aus MotoGP und MotoE soll in leistungsfähigere Reifen einfließen, von denen auch sportlich orientierte Straßenfahrer profitieren. Allerdings gibt Taramasso zu bedenken: "Es ist noch zu früh, um im Detail zu sagen, was wir in der Superbike-WM genau machen werden, denn vor uns liegen noch eineinhalb Jahre in der MotoGP und der MotoE – und wir wollen dieses Kapitel bestmöglich abschließen."
Keine Einweg-Reifen fürs Qualifying
Ein klares Nein kommt von Michelin in Bezug auf spezielle Qualifying-Reifen, die nur für wenige schnelle Runden ausgelegt sind. "Einen Reifen zu entwickeln, der nur ein oder zwei Runden hält und danach entsorgt wird, entspricht nicht unserer Philosophie", sagt Taramasso unmissverständlich.
Stattdessen soll eine weiche Mischung entwickelt werden, die sowohl für die Qualifying-Phase als auch über die volle Renndistanz tauglich ist – ganz so, wie Michelin es bereits in der MotoGP praktiziert. Die gute Nachricht: In der Superbike-WM sind die Belastungen für das Gummi geringer, die Rennen kürzer. "Die weiche Mischung könnte auch gut im Superpole-Rennen funktionieren, das im Konzept sehr ähnlich ist wie ein MotoGP-Sprint – also rund zehn Runden", so Taramasso.
Erste Tests: Noch keine konkreten Termine
Wann Michelin erstmals gemeinsam mit den Superbike-Teams auf die Strecke gehen wird, steht noch nicht fest. Idealtypisch würde der Hersteller noch im laufenden Jahr einen ersten Test absolvieren und 2026 dann drei bis vier weitere Testtage dranhängen.
"Es ist nie einfach, einen Rennreifen zu entwickeln. Wir müssen verstehen, auf welchem Performance-Niveau sich die Motorräder befinden und welches Leistungsniveau wir erreichen wollen", erklärt Taramasso den aufwendigen Prozess.
Wird die Superbike-WM künstlich eingebremst?
Ein weiteres interessantes Thema: Da die MotoGP durch das neue Reglement 2027 voraussichtlich etwas langsamer werden wird, stellt sich die Frage, ob auch die Superbike-WM gedrosselt werden könnte – um den Leistungsunterschied zwischen beiden Serien zu erhalten. Könnte Michelin dabei eine Rolle spielen?
Taramasso zeigt sich wenig überrascht von dieser Überlegung: "Ehrlich gesagt haben wir nicht darüber gesprochen, aber ich gehe davon aus. Die Dorna macht das ständig – immer wenn sie die Performance in der MotoGP senken, machen sie dasselbe in der Superbike-WM, um den Unterschied zu wahren."
Die kommenden Monate versprechen also spannende Entwicklungen – sowohl auf als auch abseits der Rennstrecke. Mit Michelin bekommt die Superbike-WM ab 2027 einen Partner, der technologische Exzellenz mit einem klaren Bekenntnis zur Straßennähe verbindet.